Märkte · 18. Juni 2026

Tether: Das privateste Zentralbanksystem der Welt druckt Dollar und kauft US-Schulden

Ein Unternehmen auf den Britischen Jungferninseln hält mehr US-Staatsanleihen als Deutschland. Wie das funktioniert und was es bedeutet.

Tether hält per Q1 2026 über $141 Milliarden in US-Staatsanleihen und ist damit einer der 18 größten Gläubiger der USA weltweit. Das Unternehmen erzielte 2025 über $10 Milliarden Nettogewinn, ohne ein einziges Bankfenster, ohne Zentralbanklizenz, ohne nennenswerte Regulierung.

Wer USDT kauft, überweist echte Dollar an das Unternehmen Tether, das diesen Betrag prompt in kurzlaufende amerikanische Staatsanleihen mit vier bis fünf Prozent Jahresrendite investiert, während der Käufer im Gegenzug einen digitalen Token erhält, der auf verschiedenen Blockchains zirkulieren kann, aber keine Zinsen abwirft. Tether kassiert die Zinsen, der Nutzer kassiert die Liquidität.

Die Zahlen, die dieses Modell produziert, sind bemerkenswert: Der Umlauf von USDT wuchs zwischen Anfang 2025 und April 2026 von rund 118 Milliarden auf knapp 190 Milliarden Dollar, und Tether hielt per Ende 2025 über 141 Milliarden Dollar in amerikanischen Staatsanleihen und kurzfristigen Rückkaufvereinbarungen, mehr als Deutschland, Australien oder Kanada an amerikanischen Schulden halten. Im Jahr 2024 war Tether gemessen an Ländern der siebtgrößte Käufer amerikanischer Staatsanleihen weltweit, und der Nettogewinn des Unternehmens lag 2025 bei über zehn Milliarden Dollar.

Woher das Wachstum kommt

Die Nachfrage speist sich aus drei Quellen: In Argentinien, der Türkei, Nigeria und Venezuela nutzen Menschen USDT als Schutz vor inflationierenden Lokalwährungen, was der IWF explizit als Dollarisierungsvektor bezeichnet hat. Kryptobörsen und institutionelle Händler halten USDT als schnell beweglichen Liquiditätspuffer, weil er ohne Bankschalter und Wartezeiten bewegt werden kann. Und im Kryptoökosystem selbst dient USDT als Basiswährung für täglich hunderte Milliarden Dollar an Transaktionen.

Reservestruktur und systemisches Risiko

Seit 2022 hat Tether seine Reservestruktur fundamental verändert und den Anteil kurzfristiger Unternehmensanleihen um rund 60 Prozent reduziert, um auf amerikanische Staatsanleihen umzuschichten; per Ende 2025 lagen rund 75 Prozent der Reserven in Staatsanleihen und kurzfristigen Rückkaufvereinbarungen, neun Prozent in Gold, vier Prozent in Bitcoin. Im März 2026 verpflichtete Tether erstmals eine der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften für ein vollständiges Audit, nachdem jahrelang nur Attestierungen kleinerer Firmen vorlagen.

Das strukturelle Paradox liegt darin, dass Tether ohne amerikanische Banklizenz und ohne Aufsicht der Federal Reserve, mit Hauptsitz auf den Britischen Jungferninseln, zu einem der größten privaten Halter amerikanischer Staatsschulden geworden ist, weshalb Washington ein strukturelles Interesse am Wachstum des Unternehmens haben dürfte: Jede neue Milliarde USDT bedeutet weitere Käufe amerikanischer Staatsanleihen. Das Risiko liegt in einem massiven Abzugsszenario: Sollten viele Inhaber gleichzeitig zurücktauschen wollen, müsste Tether große Mengen Staatsanleihen rasch verkaufen, was in einer Krise Anleihemärkte destabilisieren könnte. USDT hat bereits zweimal kurz die Dollarparität verloren, im Mai 2022 auf 95 Cent und im März 2023 auf 97 Cent, und sich beide Male rasch erholt. Ob das im nächsten ernsthaften Stresstest wieder gilt, ist die Frage, auf die weder Tether noch der Markt eine zuverlässige Antwort kennt.