Strom ohne Kompromisse: Warum Big Tech die Atomkraft neu erfindet
Microsoft reaktiviert Three Mile Island. Amazon baut Minireaktorenparks. Google bestellt gleich sieben neue Reaktoren. Die KI-Industrie löst gerade eine nukleare Wende aus, die weitreichendere Folgen hat als die meisten ahnen.
Microsoft, Google, Amazon und Meta investieren zusammen hunderte Milliarden in Atomkraft, um den explodierenden Energiebedarf ihrer KI-Rechenzentren zu decken. Erneuerbare Energien liefern nicht rund um die Uhr, Kernkraft schon. Das löst eine nukleare Renaissance aus, die den globalen Energiemarkt neu ordnet.
Die Frage, wer die nächste technologische Welle gewinnt, wird nicht allein in Chipfabriken entschieden, sondern auch an einem weit banaleren Problem gelöst: Woher kommt der Strom? Rechenzentren für künstliche Intelligenz verbrauchen so viel Energie wie Kleinstädte, und anders als Solar oder Wind muss diese Energie rund um die Uhr fließen, unabhängig von Wetter und Tageszeit. Kernkraft ist eine der wenigen Energieformen, die das garantieren kann, und die großen Technologiekonzerne handeln in dieser Frage schneller als jede Regierung.
Big Tech und die nukleare Wende
Microsoft hat mit Constellation Energy einen 20-jährigen Stromliefervertrag unterzeichnet und investiert 1,6 Milliarden US-Dollar in die Reaktivierung des Reaktors in Three Mile Island, Pennsylvania, offiziell umbenannt in Crane Clean Energy Center, das Stand Anfang 2026 sogar vor dem geplanten Zeitplan für 2028 liegt. Google fährt parallel zwei Strategien: kurzfristig ein Vertrag mit NexEra Energy für ein Kernkraftwerk in Iowa ab 2029, langfristig eine Vereinbarung mit dem Startup Kairos Power über bis zu sieben modulare Reaktoren mit insgesamt 500 Megawatt, der erste soll 2030 in Betrieb gehen. Amazon hat im Juni 2025 einen 17-jährigen Vertrag mit Talen Energy über 1,92 Gigawatt aus dem Kernkraftwerk Susquehanna in Pennsylvania geschlossen sowie vier Reaktoreinheiten des Typs Xe-100 des Unternehmens X-Energy in Washington State bestellt, die zusammen 320 Megawatt erzeugen sollen. Meta verhandelt laut Berichten Atomenergieverträge über insgesamt 6,6 Gigawatt. Nvidia hat über seine Beteiligungseinheit in TerraPower investiert, das Startup von Bill Gates, das an einer neuen Generation von Natriumreaktoren arbeitet.
Der Markt für kleine modulare Reaktoren war 2025 rund 6,9 Milliarden US-Dollar wert und soll bis 2032 auf 13,8 Milliarden wachsen, was kein spekulativer Boom ist, sondern eine direkte Folge unterschriebener Verträge und laufender Bauprojekte. Diese Reaktorklasse gilt als bevorzugte Wahl für Technologieunternehmen, weil sie modularer gebaut werden können, einen kleineren Flächenbedarf haben und weniger radioaktiven Abfall erzeugen als konventionelle Großreaktoren.
Die geopolitische Dimension
Deutschland schaltete seine letzten Reaktoren 2023 ab, während die USA, Frankreich, Japan, Südkorea und zunehmend auch Schwellenländer massiv ausbauen. Der globale Konsens, der sich auf der COP28 abzeichnete, war eindeutig: 20 Staats- und Regierungschefs bekannten sich zur Verdreifachung der Atomkapazitäten bis 2050. Big Tech ist in diesem Kontext kein Mitläufer, sondern der eigentliche Treiber dieser Renaissance, weil private Milliarden schneller fließen als staatliche Förderprogramme.
Unternehmen wie Constellation Energy, Talen Energy, Kairos Power und X-Energy stehen im Zentrum eines Investitionszyklus, der gerade erst beginnt. Die entscheidende Frage ist nicht ob Kernkraft für Rechenzentren kommt, sondern wie schnell die Projekte tatsächlich gebaut werden können und ob Genehmigungsbehörden mit diesem Tempo Schritt halten.